Die Beziehung danach

Oft sind Ex-Partner von Borderlinern zutiefst verunsichert wie sie mit dem Thema einer neuen Beziehung umgehen sollen. Ein neuer Partner kann sowohl ein Risiko sich noch weiter von sich selbst zu entfernen, als auch eine Hilfe darstellen, zur Normalität zurückzufinden. Manuela Rösel schreibt in Ihrem Buch "Wie der Falter in das Licht" dazu folgendes:

Der inneren Auseinandersetzung zu entgehen, indem ein neuer Partner möglichst schnell den verlorenen ersetzt, hat vor allem einen betäubenden Charakter. Die Zuwendung des neuen Partners und die zumindest anfängliche aufwertende Reflektion, legen sich schützend über die noch offenen Wunden der verlorenen Bindung. Die Verletzungen sind zwar da, aber unsichtbar. Unangenehme Gefühle wie Unsicherheit, Erschöpfung oder Traurigkeit werden durch die Konzentration auf einen neuen Partner betäubt. Es gibt weder einen Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen, die dahinter stehen, noch mit den Persönlichkeitsanteilen, denen es nicht möglich war, Ihnen zu entsprechen.

Solange in einem Verarbeitungsprozess kein Bezug zu sich selbst hergestellt wird, solange kann auch kein Bezug zu anderen hergestellt werden. Ein neuer Partner dient in dieser Phase häufig lediglich dem Schutz vor inneren Konflikten, vor ungewollten Schmerzen, vor Trauer, Einsamkeitsgefühlen und Angst. Im Grunde genommen wird er benutzt und hat keine wirkliche Chance, Sie zu erreichen. Da dies keine Basis für einen gegenseitig erfüllende Beziehung ist, wird auch diese Bindung an mangelnder (innerer) Aufmerksamkeit und der Unfähigkeit, sich wirklich frei und offen zuzuwenden, scheitern.

Ein Kreislauf, der nur durch Selbstauseinandersetzung durchbrochen werden kann.

Aber auch für diejenigen, die eine Borderline-Beziehung hinter sich gelassen haben und anschließend bewusst hinterfragt haben, werden die Konsequenzen dieser Bindung in Ihrer nächsten Beziehung spürbar. Ehemalige Borderline-Partner können dazu neigen, in 'gesunden' Beziehungen u.a. folgende Verhaltensweisen zu zeigen:

  • Misstrauen gegenüber Aufwertung, Zuwendung oder Anteilen der einst erfahrenen Idealisierung (die verinnerlichte Annahme, dass dem schmerzhafte Herabsetzungen folgen)
  • Auf Nähe des neuen Partners mit Distanz zu reagieren (Angst sich vertrauensvoll einzulassen und Angst vor der dann gewohnt erfolgenden Zurückweisung, fehlender Glaube an Stabilität, der Versuch Hilflosigkeit zu begegnen, indem Kontrolle über die Beziehung behalten wird)
  • Misstrauen (warum sagt er/sie das, was will er/sie damit erreichen (Angst vor erneuter Manipulation) Das (unbewusste)
  • Provozieren von Konflikten (das emotionale Hin und Her ist vertraut)
  • Zu viel Aufmerksamkeit auf den Partner zu richten (Vorsichtshaltung, Angst vor neuer Enttäuschung)
  • Generelle Unsicherheit ("Sind meine alten Verhaltensmuster gerade aktiv")
  • Panik in Konfliktsituationen (Angst vor Eskalation, alte Hilflosigkeitsgefühle)

Derartige Verhaltensweisen sind zunächst einmal völlig verständlich und resultieren aus einer schwerwiegenden Belastung, der Partner in einer Borderline-Bindung ausgesetzt sind. Trotzdem wirken sie natürlich beziehungsstörend. Hier verbirgt sich ein großes Risiko. Im Fall von darus resultierenden Komplikationen könnte der ehemalige Borderline-Partner die nicht zutreffende Schlussfolgerung ziehen, dass er doch der Beziehungsunfähige ist. Jetzt läuft er Gefahr, sich durch Selbstzweifel und eigene Herabsetzung selbst zu boykottieren. Die einst erfahrene und bereits verinnerlichte Verunsicherung von außen wird durch ihn selbst wieder aktiviert.

Die einzige Möglichkeit, dem sinnvoll zu begegnen, ist das Wissen darum und die Fähigkeit, sich offen mit dem neuen Partner über das Erlebte und die daraus resultierenden Verhaltensweisen, Ängste und Sorgen auseinanderzusetzen.

Natürlich verbirgt sich hier bereits wieder eine massive, ängstigende Konfrontation mit dem angepassten Selbst. Die innere Frage "Wird er/sie mich dann ablehnen oder das, was ich ihm anvertraue, gegen mich benutzen?" ängstigt, läßt alte Vorsicht walten und richtet Aufmerksamkeit auf die Reaktion des Partners. Hier liegt die erste große Chance, alte einschränkende Muster bewusst zu durchbrechen:

  • Indem ich mich selbst in meiner Sorge verstehen und akzeptieren kann.
  • Indem ich meine Aufmerksamkeit auf mich nicht auf die Reaktion meines Partners richte. Für diese ist er selbst verantwortlich!
  • Indem ich in seinem Verstehen und Akzeptieren bereits jetzt erkennen kann, ob er mich respektiert und wertschätzt.
  • Indem mir klar ist, dass ich ohne meine Offenheit keine zugewandte Beziehung führen kann

Mit diesen ersten Schritten beginne ich mich aktiv und selbstverantwortlich in diese Beziehung einzubringen. Das Gefühl, welches sich einstellt, wenn Angst überwunden wird, sich daraus Nähe ergibt, lässt Selbstzweifeln und Hilflosigkeit keinen Raum mehr. Leichtigkeit, weil Angst und Druck abfallen, Freude, in meinem Wesen so, wie ich bin akzeptiert zu werden, gibt mir Kraft und Zuversicht.

Ich bin und ich darf und ich werde!

Quelle: Manuela Rösel /"Wie der Falter in das Licht" (Selbstakzeptanz in der Borderline-Beziehung)