Borderline vs. Sehnsucht

Was ist Sehnsucht?

Sehnsucht (mhd. „sensuht“, als „krankheit des schmerzlichen verlangens“) ist ein inniges Verlangen nach einer Person oder Sache, die man liebt oder begehrt. Sie ist mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können.
 
Bei Menschen, die sich vor Sehnsucht „verzehren“, kann diese in bestimmten Fällen krankhafte, psychopathologische Züge annehmen, so etwa bei verschiedenen Formen der Todessehnsucht, die bis zum Suizidwunsch reichen kann.

Nun von Anfang an:

Bevor man geboren wird, verbringt man 9 Monate im Bauch der Mutter. Symbiose. Abhängigkeit. Das Baby im Bauch muss nicht mal selbstständig atmen und sich selbstständig ernähren. Im Bauch werden die Bedürfnisse automatisch erfüllt (ich muss aber hier erwähnen, dass ein Kind schon im Bauch spürt ob es gewollt ist und geliebt!). Dann kommt die Geburt. Das Baby kommt aus dem Bauch heraus in die Welt. Es muss selbst atmen und sich an andere Lebensumstände gewöhnen. Dafür braucht es noch min. 9 Monate symbiotische Bindung mit der Mutter.

Wenn diese symbiotische Bindung aus irgendeinem Grund abgebrochen, oder "gestört" wird, ist die Entwicklung auch gestört. Das Baby bekommt Todesangst und muss um das pure Überleben kämpfen, mit allen Mitteln die man als Baby hat. Es geht nur ums Überleben.
Was bleibt, ist Sehnsucht als Dauerzustand. Unvollendete Symbiose. "Heimweh". Sehnsucht die später eine Form bekommt, die man  als Wunsch nach Nähe und Verschmelzung/Symbiose wahrnimmt.

Sehnsucht ist eigentlich der Dauerzustand. Man nimmt es bewusst nicht wahr und man sucht nach irgendwas, das man nicht vollendet hat. Symbiose. Einssein. Ankommen. Zuhause. Man verliebt sich und Sehnsucht wird zum SehnsuchtsRAUSCH. Die Sehnsucht wird stärker und man verwechselt sie mit Liebe. Diesen Zustand kennen viele Borderliner mit denen ich gesprochen habe:

"Jemand gefällt mir. Ich vermisse ihn. Hat er mich gesehen? Ruft er an? Mag er mich? Es knallt. Paradies. Symbiose. Die Sehnsuchtskala steigt. SehnsuchtsRAUSCH betäubt alle Sinne. Man lebt. Man spürt. Man liebt."


Es kann folgendes pasieren:
Wenn ein Partner der selbst keine Nähe zulassen kann und distanziert ist, die Sehnsüchte weckt und anzündet,  dann knallt es am Anfang richtig, denn die Spiegelung ist perfekt. Wenn dann aber der Partner auf Distanz geht werden die Sehnsüchte sehr stark. Man leidet, es tut weh und man vermisst. Diese Spannung füttert die Sehnsüchte und den Schmerz. Diese Spannung und Ungewissheit lässt einem Borderliner in Beziehung bleiben und leiden. Die Sehnsucht wird nicht gestillt und erfühlt (das geht eh nicht!) und somit wird der Dauerzustand noch verstärkt.

Wenn aber ein Partner, der Harmonie und Nähe geben und leben will, ein Partner der Nähe zulassen und leben kann, die Sehnsüchte weckt, ist das Feuer am Anfang stark, aber wenn die Idealisierungsphase vorbei ist, dann ist die Sehnsucht gestillt . Erfüllte Sehnsucht bedeutet einen kleinen Tod für den Borderliner. Keiner kann Sehnsüchte erfüllen; keiner kann die fehlende Symbiose vollenden. Das weiß aber Borderliner nicht und er ist unbewusst ständig auf der Suche...nach irgendwas...nach dem fehlendem Teil... das er nie beim Partner finden kann.
Also, wenn die Sehnsucht erfüllt zu sein scheint, bekommt der Borderliner Angst. Die Nähe kann er nicht ertragen, weil er das nicht kennt. Er kennt nur die Sehnsucht und den Sehnsuchtsrausch...aber nie bis zum Schluss...das bedeutet für ihn Stillstand, "Tod".

Habe in dem Buch von Peter Schellenbaum / " Die Wunde der Ungeliebten" was interessantes gefunden, was verdeutlichen kann was genau ich meine:

"...Ihre Liebesbeziehungen hatten den gleichen Ablauf. Von Sehnsucht nach Liebe getrieben, lockte sie einen Mann, der ihr meistens unterlegen war an, bewunderte ihn aus voller Seele, sendete unmißverständliche erotische Signale aus, bis es ihn "übermahnte", seine Sexualität in Fahrt geriet und er darauf drang, dass die Frau ihr Versprechen einlöste.
Nun wechselte deren Stimmungslage abrupt: sie fühlte sich bedrängt und in einer ausweglosen Situation gefangen, wurde kalt und starr wie Eis. Erst also "lockte", dann "blockte".
Um nicht an sich zu zweifeln, zu verzweifeln, drehte sie schließlich den Spieß um, verlor jedes Interesse am Mann, den zu entflammen ihr gelungen war, nach der Feststellung Watzlawicks: "Wer mich liebt, mit dem stimmt was nicht", nannte ihn einen lächerlichen Zwerg, mit dem sich abzugeben sie überdrüssig war.
Da die zweite Phase der Bedrängnis und die dritte der Entwertung ihr selber keineswegs angenehm waren, lernte sie, die erste Phase der heimlich knisternden Erotik und verschleierten Verführung immer länger auszudehnen. gerne hätte sie daraus einen Dauerzustand gemacht. Am liebsten hätte sie ein Leben lang auf die Grenzlinie zum zweifelhaften Paradies ausgeharrt, kurz vor dem Punkt, wo pralle Sehnsucht in banale Erfüllung hinein zerplatzt, mit angehaltenem Atem die Entspannung erwartend und verhindernd."

Es ist auch interessant zu wissen wie Todessehnsucht entsteht:

Diese Sehnsucht hat unterschiedliche Ursachen, wie Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen persönlichen oder politischen Situation, der Welt als Solcher (Weltschmerz) oder den Wunsch, einem geliebten Menschen nachzufolgen. Auf einer tieferen Ebene kann die Todessehnsucht auch zurückgeführt werden auf den paradiesischen Zustand, den die Zeit im Mutterleib darstellte, wo Einssein und Geborgenheit herrschte.

Ich wage zu glauben dass genau die Sehnsüchte "Andockstellen" sind - bei den meisten Menschen, denn die meisten tragen alte unerfüllte Sehnsüchte in sich (manche haben kleinere unerfüllte Sehnsüchte und ungelöste Konflikte und manche größere); jeder sucht den "verlorenen" Teil; jeder will ankommen. Das Unbewusste kommunziert und führt die Menschen zusammen und nicht die Worte und das Verhalten. Sehnsüchte "knallen" aneinander und "schreien" nach Erfüllung...die es nicht in der Form geben kann. Deshalb der Schmerz. Alter Schmerz. Alte Sehnsucht.

© 2012 Suzana Pavic